Der Level of Information Need (LOIN), auf Deutsch auch Informationsbedarfstiefe genannt, beschreibt, welche Informationen zu einem Bauwerk oder Bauteil für einen bestimmten Zweck, zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einer bestimmten Qualität benötigt werden. Dabei werden geometrische, alphanumerische und dokumentarische Informationen getrennt betrachtet.
Ziel ist nicht, ein BIM-Modell möglichst detailliert aufzubauen, sondern genau den Informationsumfang bereitzustellen, der für den jeweiligen Anwendungsfall erforderlich ist.
Warum ist der Level of Information Need wichtig?
- Bedarfsgerechte Modelle: Nur tatsächlich benötigte Informationen werden erstellt und gepflegt.
- Weniger Modellierungsaufwand: Unnötige geometrische Details oder Attribute werden vermieden.
- Klare Anforderungen: Auftraggeber und Auftragnehmer können eindeutig festlegen, welche Informationen wann benötigt werden.
- Bessere Datenqualität: Informationsanforderungen lassen sich gezielt prüfen und nachvollziehen.
- Effiziente BIM-Prozesse: Modelle werden passend für Planung, Ausführung, Sanierung oder Gebäudebetrieb aufgebaut.
Welche Informationen umfasst LOIN?
Der Level of Information Need unterscheidet drei zentrale Informationsarten.
Geometrische Informationen
Sie beschreiben die räumliche Darstellung eines Objekts.
Dazu gehören beispielsweise:
- Form
- Abmessungen
- Lage und Orientierung
- Dimensionalität
- geometrische Detaillierung
- Beziehungen zu anderen Bauteilen
Wie detailliert ein Bauteil geometrisch dargestellt werden muss, hängt vom jeweiligen Anwendungsfall ab.
Alphanumerische Informationen
Dabei handelt es sich um strukturierte Eigenschaften und Merkmale eines Objekts.
Beispiele:
- Material
- Bauteiltyp
- Brandschutzklasse
- U-Wert
- Hersteller
- Kosten
- technische Leistungsdaten
- Wartungsinformationen
Auch hier gilt: Nicht jedes Attribut wird in jeder Projektphase benötigt.
Dokumentarische Informationen
Zusätzlich können Dokumente Bestandteil des Informationsbedarfs sein.
Dazu gehören beispielsweise:
- Produktdatenblätter
- Prüfberichte
- Zertifikate
- Nachweise
- Montageanleitungen
- Wartungsunterlagen
- Herstellerdokumentationen
Geometrie, alphanumerische Informationen und Dokumentation können dabei unterschiedlich umfangreich ausgeprägt sein.

Wie wird der Level of Information Need definiert?
1. Anwendungszweck bestimmen
Zunächst muss klar sein, wofür die Informationen benötigt werden.
Beispiele:
- Bestandserfassung
- Planung
- Kollisionsprüfung
- Mengenermittlung
- energetische Berechnung
- Ausschreibung
- Ausführung
- Gebäudebetrieb
2. Informationszeitpunkt festlegen
Anforderungen können sich über den Projektverlauf verändern. Ein Vorentwurf benötigt andere Informationen als eine Ausführungsplanung oder eine As-Built-Dokumentation.
3. Informationsnutzer bestimmen
Auch die beteiligten Akteure beeinflussen den Informationsbedarf.
Architektur, TGA-Planung, Energieberatung und Facility Management benötigen teilweise unterschiedliche Informationen über dasselbe Bauteil.
4. Benötigte Objekte definieren
Anschließend wird festgelegt, für welche Räume, Bauteile oder technischen Anlagen Informationen benötigt werden.
5. Informationsumfang festlegen
Für jedes relevante Objekt wird bestimmt, welche geometrischen, alphanumerischen und dokumentarischen Informationen tatsächlich erforderlich sind.
So entsteht ein zweckorientierter Informationsbedarf statt eines pauschalen Detaillierungsgrades.
Beispiel: LOIN bei einem Fenster
Welche Informationen zu einem Fenster benötigt werden, hängt vom Anwendungsfall ab.
Für eine frühe Flächenplanung
Benötigt werden beispielsweise:
- Position
- ungefähre Breite und Höhe
Herstellerdaten oder Wartungsinformationen sind zu diesem Zeitpunkt meist nicht erforderlich.
Für eine energetische Bewertung
Relevant können dagegen sein:
- genaue Abmessungen
- Rahmenanteil
- Verglasung
- U-Wert
- Orientierung
Für den Gebäudebetrieb
Zusätzlich können benötigt werden:
- Hersteller
- Produkttyp
- Seriennummer
- Wartungsinformationen
- technische Dokumentation
Das Bauteil bleibt dasselbe – der Informationsbedarf verändert sich mit dem Verwendungszweck.
LOIN bei Bestandsmodellierung und Scan-to-BIM
Bei Bestandsprojekten beeinflusst der Level of Information Need bereits, welche Gebäudedaten erfasst und wie sie anschließend modelliert werden müssen.
Vor einem digitalen Aufmaß sollte deshalb geklärt werden:
- Welche Gebäudebereiche werden benötigt?
- Welche Bauteile müssen modelliert werden?
- Welche geometrische Genauigkeit ist erforderlich?
- Welche Attribute werden benötigt?
- Welche Dokumente müssen verknüpft werden?
- Welche Informationen werden später in BIM, CAFM oder Energieberatung genutzt?
Für einen einfachen Bestandsgrundriss ist beispielsweise keine detaillierte Modellierung technischer Anlagen erforderlich.
Soll das Modell dagegen für eine Heizlastberechnung, energetische Sanierung oder den Gebäudebetrieb genutzt werden, können zusätzliche Informationen zu Gebäudehülle, Räumen oder TGA notwendig sein.
Ein möglicher Workflow ist:
Anwendungsfall → LOIN → digitales Aufmaß → Punktwolke → Scan-to-BIM → IFC-Modell → weitere Nutzung
Dadurch wird vermieden, dass Daten aufwendig erfasst oder modelliert werden, obwohl sie später keinen konkreten Nutzen haben.
LOIN vs. LOD
Level of Detail beziehungsweise Level of Development (LOD) und Level of Information Need (LOIN) werden häufig miteinander verwechselt.
Der LOIN löst das starre, traditionelle und ungenormte LOD-Konzept (Level of Detail) ab und ist in der DIN EN ISO 7817-1 geregelt. Statt pauschaler Stufen (wie LOD 100 bis 500) basiert LOIN auf einer Pull-Logik: Informationen werden exakt nach dem tatsächlichen Projektbedarf angefordert.
LOD
- arbeitet häufig mit festgelegten Entwicklungs- oder Detaillierungsstufen
- verbindet je nach verwendetem System unterschiedliche Aspekte von Geometrie und Information
- wird in der BIM-Praxis weiterhin verwendet
LOIN
- orientiert sich am konkreten Informationsbedarf
- betrachtet Geometrie, alphanumerische Informationen und Dokumentation differenziert
- berücksichtigt Zweck, Zeitpunkt und beteiligte Akteure
- vermeidet pauschale Anforderungen an immer höhere Modellierungsdetails
LOIN bedeutet daher nicht einfach „mehr Details in einer höheren Stufe“. Entscheidend ist, ob eine Information für den konkreten Anwendungsfall benötigt wird.
Gibt es LOIN 100, 200, 300, 400 und 500?
Bezeichnungen wie LOIN 100 bis LOIN 500 finden sich teilweise in Leitfäden und Projektvorgaben. Sie sollten jedoch nicht mit einem allgemeingültigen Stufensystem der aktuellen DIN EN ISO 7817-1 gleichgesetzt werden.
Die aktuelle Norm verfolgt einen differenzierteren Ansatz: Der Informationsbedarf wird anhand von Zweck, Informationslieferzeitpunkt, Akteuren und Objekten sowie den jeweils benötigten geometrischen, alphanumerischen und dokumentarischen Informationen beschrieben.
Projektbezogene Stufen können zur Vereinfachung verwendet werden – entscheidend ist jedoch, was konkret hinter einer solchen Stufe gefordert wird.
LOIN und Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA)
Der LOIN spielt eine wichtige Rolle innerhalb der Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA).
Die AIA definieren, welche Informationen ein Auftraggeber für bestimmte BIM-Anwendungsfälle und Projektzeitpunkte benötigt.
Der LOIN konkretisiert diesen Informationsbedarf beispielsweise für einzelne:
- Bauteile
- Räume
- Fachmodelle
- Anlagen
- Informationslieferungen
Damit lassen sich Anforderungen wesentlich genauer formulieren als mit allgemeinen Aussagen wie „Modell in hoher Detailtiefe“.
LOIN und BIM-Abwicklungsplan (BAP)
Während die AIA den erforderlichen Informationsbedarf definieren, beschreibt der BIM-Abwicklungsplan (BAP), wie diese Anforderungen im Projekt umgesetzt werden.
Ein BAP kann beispielsweise festlegen:
- wer die benötigten Informationen erstellt
- wann Modelle geliefert werden
- welche Austauschformate gelten
- wie Informationen geprüft werden
- wie Informationen auf einer BIM-Kollaborationsplattform geprüft und
koordiniert werden - wie die vereinbarten Informationsanforderungen umgesetzt und kontrolliert werden
Damit verbindet der LOIN fachliche Anforderungen mit den operativen BIM-Prozessen.
Aktuelle normative Grundlage
Die aktuelle normative Grundlage für das Konzept ist die DIN EN ISO 7817-1:2024-11 „Bauwerksinformationsmodellierung – Informationsbedarfstiefe – Teil 1: Konzepte und Grundsätze“.
Sie ersetzt die frühere DIN EN 17412-1:2021-06.
Die DIN EN ISO 7817-1 beschreibt einen methodischen Rahmen zur Festlegung des Informationsbedarfs und berücksichtigt den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks – von Planung und Bau über Betrieb und Modernisierung bis zum Lebensdauerende.
Häufige Fehler und Missverständnisse
- LOIN mit einem pauschalen Detailgrad gleichsetzen: Informationsbedarf umfasst mehr als geometrische Detaillierung.
- „Je höher, desto besser“: Mehr Daten bedeuten nicht automatisch bessere Modelle.
- Alle Informationen gleichzeitig verlangen: Informationsanforderungen sollten zum jeweiligen Projektzeitpunkt passen.
- Geometrie und Attribute nicht trennen: Ein Bauteil kann eine einfache Geometrie, aber umfangreiche alphanumerische Informationen benötigen – oder umgekehrt.
- Anwendungsfall nicht definieren: Ohne konkreten Zweck lässt sich der notwendige Informationsumfang kaum sinnvoll bestimmen.
- LOIN erst nach der Modellierung festlegen: Der Informationsbedarf sollte möglichst vor Datenerfassung und Modellerstellung bekannt sein.
- Veraltete Norm referenzieren: DIN EN 17412-1 wurde durch DIN EN ISO 7817-1 ersetzt.
FAQ
Wer definiert den LOIN?
Informationsanforderungen werden insbesondere aus dem Bedarf des Auftraggebers und der jeweiligen Informationsnutzer abgeleitet. In BIM-Projekten werden sie unter anderem in den AIA konkretisiert und im BAP umgesetzt werden.
Welche Norm gilt für LOIN?
Die aktuelle deutsche Norm ist die DIN EN ISO 7817-1:2024-11. Sie ersetzt die frühere DIN EN 17412-1:2021-06.